Ein integraler Kerngedanke von Schicksal und Herausforderung e.V. ist, dass jemand der eine Tat begangen hat, Hilfe und Unterstützung verdient, wenn er sich wirklich ändern möchte und Reue zeigt. Aus diesem Grund haben wir in unserem Selbsthilfeforum Gemeinsam statt allein die Haltung, dass nur die Gegenwart und Zukunft zählt und nicht die Vergangenheit. Ex-Täter:innen, werden von unserem Selbsthilfeangebot nicht augeschlossen. Zu den regionalen und überregionalen Hilfs- und Therapieangeboten, möchten wir an dieser Stelle den nachfolgenden Text von Hannah Funke einstellen. Einer Fachanwältin, die ihre Gedanken und ihre Sicht über das Thema mit uns teilte.

Die Arbeit mit der Pädophilie – die Erfahrungen einer Strafverteidigerin

Mein Name ist Hannah Funke. Als Rechtsanwältin, Strafverteidigerin und Fachanwältin für Strafrecht begegne ich seit vielen Jahren Menschen mit pädophiler Neigung – in der Strafverteidigung ebenso wie in der Zusammenarbeit mit Beratungsstellen und Netzwerken. Was mir dabei immer wieder deutlich wird: Hinter dem Begriff stehen Menschen mit sehr unterschiedlichen Lebensgeschichten, oft mit großem Leidensdruck, viel Scham und der ernsthaften Entscheidung, niemandem schaden zu wollen. Und auch Menschen, die den falschen Weg gewählt haben. Viele von ihnen tragen diesen inneren Konflikt lange allein. Der Schritt, sich Hilfe zu suchen, ist kein leichter und kommt auch manchmal schlicht zu spät. Denn die ersten Hürden sind für viele schon eine unüberwindbare Aufgabe. An wen kann ich mich wenden, wenn ich das Gefühl habe, ich könnte eine pädophile Neigung haben? Wie beeinflusst es mein Sexualleben? Wie gehe in der Gesellschaft oder einer Partnerschaft hiermit um? Was, wenn sich hieraus ein Leidensdruck entwickelt? Wie kann ich ein Leben ohne Scham und Leid führen? Wer kann mir hierbei helfen? Wem kann ich mich anvertrauen?

Es gibt nur wenige spezialisierte Therapieangebote, und die vorhandenen Plätze sind oft überlastet. Gleichzeitig stellen sich ganz praktische, aber belastende Fragen: Wer übernimmt die Kosten? Muss ich meine Neigung gegenüber der Krankenkasse offenlegen? Was bedeutet das für mein weiteres Leben? Diese Unsicherheiten und Ängste sind real – und sie halten viele davon ab, überhaupt Unterstützung in Anspruch zu nehmen. Hinzu kommt die gesellschaftliche Stigmatisierung. Die Sorge, verurteilt oder abgestempelt zu werden, ist für viele allgegenwärtig. Das führt dazu, dass Betroffene oft viel zu lange warten, bis sie sich jemandem anvertrauen – oder es gar nicht erst tun. Dabei ist gerade dieser Schritt so wichtig. Hilfe zu suchen ist kein Zeichen von Schwäche, sondern von Verantwortung. In meiner Arbeit erlebe ich leider häufig, dass Unterstützung erst dann in den Vordergrund rückt, wenn es bereits zu spät ist – wenn ein Strafverfahren läuft, wenn Grenzen überschritten wurden. Weil es dann unumgänglich wird. Dabei wird das Gefühl der Hilflosigkeit, Überforderung und Scham deutlich. Umso mehr wünsche ich mir, dass es deutlich mehr Angebote gibt, die genau vorher ansetzen: niedrigschwellig, vertraulich und ohne zusätzliche Hürden. Prävention bedeutet, Menschen früh zu erreichen – nicht erst im Nachhinein zu reagieren. Das ist in meinen Augen geeigneter präventiver Opferschutz.

Gleichzeitig wünsche ich mir mehr Offenheit in der Gesellschaft und das Verständnis, dass Menschen mit pädophiler Neigung nicht direkt Sexualstraftäter sind. Die Bereitschaft, Vorurteile abzulegen und Druck herauszunehmen, erfordert ein gesellschaftliches Umdenken und ein Umdenken erfordert Aufklärung. Daher begrüße ich die Aufklärungsarbeit von Vereinen wie „Schicksal und Herausforderung e.V.“. Besonders belastend ist für viele natürlich die Situation im laufenden Strafverfahren. Gerade dann, wenn Unterstützung am dringendsten gebraucht wird, sind Hilfsangebote wie therapeutische Anlaufstellen oft schwer zugänglich, weil sie voraussetzen, dass kein Verfahren läuft. Für Betroffene entsteht so ein Kreislauf, der sich kaum allein durchbrechen lässt.

Und anstrengend ist. Die Analyse des Falls mit der Anwältin und zuweilen harten Fakten kann viel Kraft kosten. Ich erlebe hautnah, dass es Mandanten schlicht Überwindung kostet, mit mir über ihr Sexualleben und mögliche Grenzüberschreitungen zu sprechen. Ich erlebe es regelmäßig, wie groß die Scham, die Verunsicherung und die Angst vor Ablehnung ist. Mandanten versichern mir oft automatisch, dass sie keine Monster sind. Und ich versichere ihnen dann immer ebenso automatisch (und ehrlich), dass ich nie davon ausgegangen sei, dass sie es sind. Ich arbeite gerne mit ihnen zusammen und das, obwohl ich hierbei über die Jahre schon nahezu alles gesehen habe. Unterschiedlichste Missbrauchsvorwürfe habe ich durchbesprochen und auseinandergepflückt; tausende von kinderpornographischen Inhalten habe ich selbst gesichtet und analysiert. Und nie habe ich gedacht, dass die Person dahinter ein Monster sein muss. Menschen sind nicht ihre Taten. Menschen müssen daher auch keine Angst haben, auf mich oder uns Anwälte zuzukommen. Auch wenn es Anstrengung und einen Vertrauensvorschuss kostet. Die Wahl des richtigen Anwalts ist dabei wie die Wahl des richtigen Urologen – es muss einfach so passen, dass die Scham oder Angst keinen Platz hat. Und im Zweifel arbeiten wir gemeinsam daran, diese Gefühle zu beseitigen - auf Augenhöhe. Betroffene müssen sich ihren Partner in Crime suchen und ein Team werden. Dabei sollten Sie sich Anwälte suchen, die sich in dem Bereich auskennen. Derartige Tatvorwürfe und die sog. Hilfswissenschaften der Aussagepsychologie, forensischen IT, Rechtsmedizin und Sexualmedizin sind keine Inhalte der juristischen Ausbildung. Sucht euch Vertrauenspersonen, die Experten auf diesem Gebiet sind. Hierdurch sinkt die Unsicherheit bestenfalls automatisch.

Ob in der rechtlichen Beratung oder im Austausch mit Hilfsangeboten – es braucht Räume, in denen offen gesprochen werden kann, ohne Angst vor Verurteilung. Vertrauen entsteht nur dort, wo Menschen sich ernst genommen fühlen. Und es braucht einen Plan. Eine Anlaufstelle, wo Betroffene mit Hilfspersonen wie Anwälten zusammenarbeiten können, die sie nicht bewerten und mit ihnen einen „Fahrplan“ entwickeln, eine Strategie. Natürlich gibt es auch Strafverfahren, in denen Tatvorwürfe entkräftet werden können. Es gibt ebenso Strafverfahren, wo die Verantwortungsübernahme überwiegt. Es gibt jede Schattierung von Vorwurf und am Ende muss ein Plan entwickelt werden, der hilft. Das ist die Aufgabe von uns Strafverteidigern.

Wenn Sie sich in diesen Zeilen wiederfinden, möchte ich Ihnen vor allem eines mitgeben: Sie sind nicht allein. Und es ist möglich, Unterstützung zu finden – auch wenn der Weg dorthin manchmal schwer erscheint. Sich Hilfe zu suchen, ist ein wichtiger Schritt. Und es ist ein Schritt in die richtige Richtung. Ob bestenfalls im Vorhinein, oder auch dann, wenn es eigentlich zu spät ist. Mehr Informationen zu mir finden Sie unter: www.funke-strafrecht.de/ – oder Sie melden sich einfach direkt bei mir