NewMan

Eines Tages stand ich vor einem Spiegel und sprach die bedeutungsschweren Worte zu mir selbst: „Ich bin pädophil und stehe weit überwiegend auf präpubertäre Mädchen“. Ohne Wut auf irgendwen oder irgendwas, ohne Verachtung mir selbst gegenüber, ohne ein Fragezeichen des Zweifels, nur mit einiger Traurigkeit in der Stimme. Als ich endlich soweit war, lagen mein 30ster Geburtstag, das eine Jahr intensive Verhaltenstherapie und einige Monate Nachsorgegruppe an der Charité schon hinter mir.

Mein Weg bis dahin war alles andere als geradlinig.

Viele Jahre lang war ich damit beschäftigt, das Offensichtliche mir selbst gegenüber zu verdrängen und zu verleugnen. „ICH stehe auf Frauen und sonst gar nichts.“ Viele Fragen, die ich mir hätte stellen können, oder gar müssen, ließ ich nicht an mich ran. „Ich steh auf Frauen. Basta.“

Über das Konsumieren von Frauenpornos kam ich dann auch in Kontakt mit Kinderpornographie. Mit damals noch legalen No-Nude- und Posing-Fotos. Dann allerdings ließ ich mich immer weiter in den Bereich der, wie ich sie heute nenne, Missbrauchsdokumentationen rutschen und hatte spätestens da die Grenze überschritten.

Rückblickend muss ich sagen, ist es erschreckend, mit was für Scheinargumenten, Ausreden usw. man es „schafft“, sein Gewissen zu betäuben und sich selbst als „hilflosen und wehrlosen Spielball“ seiner Gefühle zu sehen. Gefangen in einem Strudel, der einen immer weiter in seinen Bann zieht, aus dem es kein Entrinnen zu geben scheint… Ein Wechselbad der Gefühle und des Verstandes begann. Mal hasste und verachtete ich mich – mal richtete ich mich in der Einverständnislüge und meiner „Opferrolle“ ein. Erst speicherte ich Bilder, die ich später wieder teilweise löschte und noch später wieder beschaffte. Einerseits fürchtete ich mich davor, aufzufliegen, andererseits hoffte ich darauf… Dann war es so weit: die Hausdurchsuchung begann eines Morgens mit Sturmklingeln und Hämmern an der Wohnungstür. Rückblickend war die HD für mich wie ein „Weckruf“ in ein neues Leben.

Vieles hat sich – habe ich – seitdem verändert. Ich habe mich gegenüber meinen Eltern und Geschwistern geoutet, Kontakt zum Präventionsprojekt „Dunkelfeld“ (kein-taeter-werden.de) aufgenommen, mich in der Wartephase auf den Beginn der Verhaltenstherapie mit den Folgen von sexuellem Kindesmissbrauch konfrontiert und beschäftigt, was ich in der Zeit des Konsums immer vermieden hatte.

Nach meiner Annahme und Bezahlung des Strafbefehls bekam ich dann den Therapieplatz, den ich mit großem Engagement nutzte, wusste ich doch, dass ich in absehbarer Zeit Onkel werden würde – Onkel von einer Nichte. So war ich, als es dann soweit war, gut gerüstet – in meinem Selbstbild, mit den erlernten Bewältigungsstrategien und dem Einweihen und Informieren aller wesentlichen Personen – um diese große Herausforderung annehmen und bewältigen zu können.

All diese Ereignisse reihten sich aneinander, wie Perlen auf einer Kette. Und ich denke, ich kann und muss froh sein, dass alles genau in dieser Reihenfolge eintrat…

Ganz wesentlich unter den „Perlen“ dieser Kette: das Präventionsprojekt „Dunkelfeld“. Ich will mir gar nicht ausmalen, wie mein Leben ohne diese „Perle“ weiter verlaufen wäre. (Mehr hierzu in meinem Text Feuerprobe).

Eine weitere wichtige „Perle“ in dieser Kette ist zweifellos meine Familie. Ihr Umgang mit dem gesamten Thema, sowie ihre Achtung und ihr Vertrauen mir gegenüber. Ich denke, ich darf erleben, welch große präventive Wirkung das Präventionsprojekt „Dunkelfeld“ und ein aufgeklärtes, mitwissendes und kritisches Umfeld (das nicht Pädophilie mit Missbrauch gleichsetzt) zusammen haben.

Und welch wichtiges Präventionspotential vergeudet wird, stellt man auch nur einen dieser wesentlichen Grundpfeiler grundsätzlich in Frage!

Als ich mich mit den Folgen von Kindesmissbrauch konfrontierte, war das gut für meine Opferempathie – aber eine Katastrophe für mein Selbstbild: das Verheerendste für mich war die Gleichsetzung der Veranlagung mit dem Verhalten – der Pädophilie mit dem sexuellen Kindesmissbrauch. Je mehr ich mich informierte und von anderen Betroffenen erfuhr, umso mehr Missverständnisse, Irrtümer usw. wurden mir offenbar und ich beschloss, dagegen anzuschreiben.

Mit dem gewählten Pseudonym „NewMan“ wollte ich mich ursprünglich nur von der Zeit vor der Zäsur abgrenzen. Aber mittlerweile, denke ich, bin ich tatsächlich im Umgang mit diesem Thema und mit mir selbst ein „Neuer Mann“ geworden. Wenngleich das Leben mit der Pädophilie immer seine Schattenseiten, Probleme und Herausforderungen haben wird.

Meine Ziele: