Unter dem Titel, der auf Deutsch „zärtliches/sanftes Monster“ heißt, startete gestern, am 17.09.2026, ein Film von der österreichischen Filmemacherin Marie Kreutzer in die deutschen Kinos. Ein Film, der die Geschichte einer Familie und den drohenden Zusammenbruch dieser erzählt, als plötzlich gegen den Vater ermittelt wird und sämtliche elektronischen Geräte beschlagnahmt werden. Es geht um Missbrauchsabbildungen und die Frage, ob die Ehe überhaupt noch eine Chance hat. Die eigentliche Handlung des Films ist noch viel komplexer, aber darum soll es in dem Beitrag nicht gehen. Vielmehr möchten wir unsere Gedanken zu dem Titel und dessen Wirkung teilen.

Die Angst, ein Monster zu sein, und das Gefühl, das Leben nicht zu verdienen, sind Gefühle, welche zu viele pädophile Menschen kennen. Insbesondere dann, wenn sie zum ersten Mal merken, dass sie „anders“ als die anderen sind. Die Stigmatisierung ist sehr stark und geht so weit, dass das Wort „Pädophilie“ in Kommentaren oder Social-Media-Beiträgen häufig bereits nicht mehr voll ausgeschrieben wird. Es ist ein verbotenes Wort, genauso wie die Pädophilie selbst. Sie darf nicht sein … Das lernt auch der Algorithmus dieser Plattformen.

Und es ist in gewisser Weise nachvollziehbar, dass die meisten mit diesem Thema nichts zu tun haben wollen. Umso wichtiger sind Film- und Medienproduktionen, die dieses Thema beleuchten und ansprechen. Im besten Fall differenzierend.

Der Titel „Gentle Monster“ differenziert nicht. Der Titel ist kontraproduktiv und fördert die enorme Stigmatisierung und verfestigt das gesellschaftliche Bild eines liebevollen und netten Mannes, der eine dunkle und gefährliche Seite hat. Dieses schwierige und hochemotionale Thema würde deutlich mehr Tiefe bekommen, wenn man darauf verzichtet. Das bedeutet nicht, dass solche Geschichten nicht filmisch behandelt werden sollten. Wir kennen aus unserer Arbeit in der Selbsthilfe beide Seiten. Die Partner:innen, die viele Fragen haben und oft sehr verzweifelt und überfordert sind, und die Partner:innen, die eine Tat begangen haben und mit einer sehr schwierigen Situation konfrontiert sind und Antworten suchen und sich fragen, warum das passiert ist. Dazu kommen noch das Stigma und der Verlust des Arbeitsplatzes. Situationen, die Familien zerstören können. Und oft kommt dann nach einiger Zeit die Frage auf, warum es überhaupt so weit gekommen ist. Wenn man mit diesen Menschen spricht, dann merkt man, dass das keine Monster sind, sondern Menschen, die aus den unterschiedlichsten Gründen in ihrem Leben falsch abgebogen sind und falsche Entscheidungen getroffen haben. Oft auch deshalb, weil sie aufgrund der Stigmatisierung noch nie mit jemandem darüber sprechen konnten und dann mit ihren Taten konfrontiert werden.

Das führt uns zu der Frage, wie viele Kinder wir alle in der Gesellschaft vor sexualisierter Gewalt, online und offline, schützen könnten, wenn wir den Anteil der Taten, die tatsächlich durch Pädophile begangen werden, dadurch verringern, dass wir eine weniger diskriminierende Sprache verwenden und mehr Hilfsangebote etablieren. Die 15‑ oder 18‑Jährigen, die pädophil sind und das nicht viele Jahre verdrängen und wegschieben, sondern die Unterstützung bekommen, die sie brauchen. Wenn wir in der Analogie der Monster sprechen, dann sollten wir uns vielleicht auch die Frage stellen, wie viele Monster die Gesellschaft durch den Hass und die Dämonisierung indirekt produziert. Und das betrifft nicht nur den Themenkomplex der Pädophilie im Kontext von tatsächlichen Taten. Der US-amerikanische Radiomoderator Jim Thornton besuchte auf einer Flugreise einen Selbsthilfechat für Pädophile. Das wurde von einem Passagier angezeigt und fotografiert. Ein illegales Verhalten konnte ihm nicht nachgewiesen werden und trotzdem wurde er gecancelt und der Vorfall eine große nationale Story in den Zeitungen und Nachrichten. Der globale Trend geht in die Richtung, alles, was auch nur in die Nähe dieses Themas kommt, so weit zu tabuisieren und zu verurteilen, dass ein gesellschaftlicher Dialog dazu gar nicht mehr möglich ist.

Das ist schade, weil wir damit auch nicht den Überlebenden sexualisierter Gewalt gerecht werden. Wenn ein so großes Tabu auf etwas lastet, entscheiden sich vielleicht manche dazu, so etwas nicht öffentlich zu machen. Insbesondere bei sexualisierter Gewalt brauchen wir genau das. Mehr Öffentlichkeit und Sichtbarkeit. Für die Tochter oder den Sohn, der sich nicht traut, über das zu sprechen, was jemand in der Familie mit ihr/ihm getan hat, und für den pädophilen Teenager, der merkt, dass er die Wahl hat, Unterstützung erhält und ein verantwortungsvolles Leben führen kann. Weil er kein Monster ist.